Von Göttern und Giganten

„Behandeln sie das Paket vorsichtig, schleudern sie es nicht herum. Diebstahl wird schwer bestraft!“ lautet die persönliche Nachricht des Unbekannten, der in wenigen Augenblicken mein Auftraggeber werden soll. Noch ein letztes Mal lese ich die Bedingungen des Liefervertrages, der auf meinem NeoCom darauf wartet von mir akzeptiert oder abgelehnt zu werden. Alles klingt plausibel, eine von Piraten konstruierte Falle scheint es nicht zu sein.
Ich werfe einen Blick auf den Schirm und beäuge erneut das gigantische Logistikzentrum auf das sich meine kleine Fregatte mit wenigen Metern pro Sekunde langsam zubewegt. Sie liegt ruhig im All, erleuchtet von den vielen Lichtern der an- und abdockenden Schiffe und den wenigen Sonnenstrahlen, die sich an dem nahe liegenden Mond vorbeischieben und ihr ein majestätisches Antlitz verleihen. Sie ist wie ein schlafender Riese, unbeeindruckt von dem geschäftigen Treiben um sie herum. Viele Leute kommen hierher um ihre Geschäfte abzuwickeln, sie ist der beliebteste Umschlagplatz in dieser Region. Händler, Lieferanten, Hehler – sie alle kommen und gehen im Sekundentakt um Waren zu bewegen. Irgendwo auf dieser Station liegt ein kleines Paket, das seinem Besitzer eine gehörige Stange Geld wert ist. Und dieser wartet am anderen Ende des Universums darauf, dass es ihm jemand bringt.
Ich löse meinen Blick vom Schirm und richte meine Aufmerksamkeit erneut auf das NeoCom. Noch ein kurzes Zögern, dann nehme ich den Vertrag an und verpflichte mich dazu, das Paket zuzustellen. „Vertrag angenommen. Verarbeite Daten und benachrichtige die zuständigen Stellen. Das Paket wird im Logistikzentrum für sie hinterlegt. Sie haben 24 Stunden für die Zustellung.“ ertönt es mit gewohnt monotoner Stimme aus meinem Bordcomputer. Ich kontaktiere die Station von der ich mittlerweile nur noch knapp über 500 Meter entfernt bin und erbitte eine Andockerlaubnis. „Erlaubnis erteilt. Sie werden nun in die Station gezogen.“ ertönt die Stimme erneut, die mir seit so langer Zeit die einzige Gesellschaft bietet. Langsam verschwinde ich mit meinem Schiff in dem schlafenden Riesen und warte bis ich ruhig im Hangar angedockt wurde.

In einer Station anzudocken ist wie mit einem Stock in ein Hornissennest zu stechen. Kaum ist das Schiff sicher im Hangar schon wimmelt es nur so von Robotikeinheiten und Dockarbeitern, die um das Schiff herumschwirren, die Hülle und Panzerung auf Schäden untersuchen, die Schilde reparieren und Waren in den Frachtraum verladen. Ich hasse es zu wissen, dass sie in und auf meinem Schiff sind. Sie fühlen sich an wie Insekten. Parasiten, die auf und unter meiner Haut herumkrabbeln. Schon so lange bin ich in dieser Kapsel eingeschlossen, umgeben von Metall und Kunststoff, abgeschirmt von all dem da draußen. Mein Körper ist durchsetzt mit Implantaten, über die Kapsel mit dem Schiff zu einer Einheit verschmolzen. Ich bin sein Motor, sein Herz. Ich bin das Schiff. Tief im Inneren dieses Stahlkolosses sitzend bin ich stark und mächtig. Ich bin ein Gott, der zwischen den Sternen reist. Daher verlasse ich meine Kapsel nie, wenn ich an einer Station andocke. Meine Kapsel und damit auch mein Schiff zu verlassen ist wie eine Schale abzulegen, den geborgenen Mutterleib zu verlassen. Ich fühle mich dann nackt, gefangen in diesem schwachen, alternden und von Krankheiten geplagten Knochensack. Es widert mich an.
Die Geräusche der Robotikeinheiten auf meiner Hülle treiben mich langsam in den Wahnsinn. Es ist beklemmend zu wissen, dass sie mit ihren ungelenken Werkzeugen an meiner Hülle arbeiten, so nahe an mir. Und es klingt als kämen sie immer näher, meine Kapsel fühlt sich von Sekunde zu Sekunde kleiner an. Ich sehe sie bereits durch die Hülle brechen, als die nervtötenden Geräusche abrupt enden. „Reparaturen an Hülle und Panzerung abgeschlossen. Schilde auf 100% aufgeladen.“ teilt mir die vertraute Stimme meines Bordcomputers mit, die ich bereits schmerzlich vermisste. Schnell überprüfe ich meinen Frachtraum, jede Minute die ich angedockt in einem Hangar verbringen muss ist zuviel. Einige hastige Tastendrücke auf dem Display. Auf dem Frachtraummonitor entdecke ich das Paket das ich zustellen soll, es wurde also bereits verladen. Schnell beantrage ich über mein NeoCom eine Abdockerlaubnis. „Abdockerlaubnis erteilt. Fliegen sie sicher, Pilot.“

Die Station bläst mich zurück in den endlosen Weltraum aus dem ich kam. Noch immer herrscht reges Treiben um sie herum. Mit mir docken dutzende weiterer Piloten ab und mindestens doppelt so viele docken an. Erneut wandert mein Blick auf den Frachtmonitor und bleibt an dem Paket hängen. Ich weiß nicht, was genau ich eigentlich transportiere. Es könnte ein kleiner Tagesvorrat Quafe sein, oder aber auch die Baupläne für ein Schiff der Zerstörerklasse. Ich könnte einem Pharmazieunternehmen einige wertvolle Medikamente liefern, oder helfen eine Massenvernichtungswaffe zu bauen, mit der sich neue Kriege beginnen oder gar entscheiden lassen. Vielleicht befinde ich mich ja jetzt auch mitten in einem Krieg und transportiere wichtige Dokumente, für die gewisse Organisationen bereit sind jeden zu töten. Was es auch ist, die Lieferung bringt mir sehr viel Geld ein. „Interessiere Dich für nichts, was Du nicht unbedingt wissen musst.“ sagte man mir einst. Eine Einstellung, die in der heutigen Zeit überlebensnotwendig geworden ist. Wenn nur noch Macht und Einfluss zählen spielst Du entweder mit oder findest besser einen Weg aus New Eden heraus, bevor man dich findet.
Ich setze Kurs auf die Zielstation, auf der ich das Paket abgeben soll, und aktiviere den Autopiloten. Als dieser den Warpantrieb aktiviert und mich zusammen mit meinem Schiff wieder in mein geliebtes Meer aus Sternen eintaucht begleitet mich nur ein Gedanke: was, wenn der Inhalt dieses Pakets von solch immenser Bedeutung ist, dass man damit das Schicksal aller in New Eden beheimateten Fraktionen auf ewig ändern könnte? Es wäre da, nur wenige Meter von mir entfernt. Alles was ich tun müsste ist die Hand auszustrecken und …
Ich blicke auf meine Sternenkarte und prüfe die Route. Ich bin jetzt lange genug unterwegs um es mir nochmal sehr gut zu überlegen. Und ich wäre jetzt auch noch weit genug weg um einen Fluchtversuch mit dem Paket in meinem Frachtraum zu starten.

Meine erste Kurzgeschichte, die es schafft publiziert zu werden. Normalerweise lasse ich meine Hirngespinster nicht auf die Menschheit los. Die Idee ist mir bei EVE Online gekommen, als ich mal wieder einen Transportauftrag geflogen bin. War jetzt auch nicht sonderlich schwer zu erraten. Was mich an EVE einfach immer wieder begeistert ist die Freiheit, mit der es teilweise schwer ist umzugehen. Denn so etwas wie richtige oder falsche Entscheidungen gibt es nicht, wichtig sind nur die Auswirkungen dieser Entscheidungen. Besonders bei der immensen Interaktion zwischen den Spielern die es in EVE gibt. Dieser Transportauftrag, der mir Anlass zu der Geschichte gab, ist nur einer von vielen Aufträgen, die von Spielern an andere Spieler vergeben werden. Ich beliefere also keine generischen NPCs sondern wirklich einen, mir unbekannten, Spieler dem die Fracht tatsächlich was wert ist. Somit setzt er auch Vertrauen in seinen Lieferanten, dass dieser sich nicht mit dem Paket aus dem Staub macht. Und auch als Lieferant muss man immer damit rechnen direkt in eine von Piraten gestellte Falle zu fliegen oder durch den Besitz der Ware zu einer Zielscheibe zu werden. Daher muss sowas gut überlegt sein. Das macht EVE für mich zu dem wahrscheinlich atmosphärischsten Spiel aller Zeiten. Ich musste diese Geschichte einfach schreiben um meiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen und diese mit anderen zu teilen. Und vielleicht auch ein wenig um zu zeigen wie viel Spaß es sein kann, wenn man tief in die Geschichte und das Universum eines Spieles abtaucht – selbst wenn man nur einen eigentlich langweiligen Transportauftrag fliegt.

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5 Kommentare

  1. Jaja immer wieder EVE! Habe es nun auch schon drei mal wieder angespielt…gibt ja alle paar Monate so ne Chance auf eine Woche kostenlosen Wiedereinstieg. Die einen lieben es, die anderen hassen es – ich bin bei dem Game auch immer sehr zwiegespalten. Ich glaube ich zocke es auch hauptsächlich immer wieder an, weil ich so ein SciFi-Fan bin und mir die Optik so toll gefällt…unendliche Weiten.

    PS: Sehr schöne neue Optik vom Blog!

    Antwort
    • Muchas gracias, Señor! Hat auch ein wenig Zeit gekostet die ganzen neuen Widgets zu basteln (Header + Footer), aber das Theme war einfach so passend, da musste ich umstellen.

      EVE hat eine atemberaubende Grafik. Ich kann mich gar nicht daran satt sehen, wenn ich wieder an Stationen oder Planeten vorbeifliege. Ist man einmal drin in EVE, dann kommt man nicht mehr so schnell raus ;-)

      Antwort
  2. Hachja EVE… Warum bin ich noch nicht Rentner und kann 24/7 spielen? EVE ist toll, weil es so anders ist. Wenn es eine Lifetime-Subscription gäbe, ich würde sie sofort nehmen. Denn die eine Woche alle paar Monate reicht mir nicht, und Account wieder reaktivieren ist doch eine Hürde.

    <3 EVE

    Antwort
    • Mir geht es da nicht anders, ich spiele EVE auch gerne – alle paar Wochen. Die paar Mal, die ich im Monat einlogge, rechtfertigen kein Abo. Bei einer Lifetime Subscription könnte man aber mal drüber reden.

      Antwort

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